Nara’s Deers – Die süßesten Bewohner, die eine Stadt haben kann

Wir sitzen auf einer Bank im Nara Park und beobachten ein von Rehen und Hirschen umzingeltes Mädchen, wie es ihre Hand nach oben reckt, um die Cracker vor den Tieren in Sicherheit zu bringen. Nervös fuchtelt sie herum, um sie loszuwerden. Doch keine Chance, davon lassen sich die gefräßigen Vegetarier nicht abschrecken. Ganz im Gegenteil, sie rücken noch näher. Die schnuckeligen Wiederkäuer sind ihr eindeutig zahlenmäßig überlegen. Und so passiert das unausweichliche, das Mädchen kapituliert und gibt sich im Kampf um die Cracker geschlagen. Sie schleudert sie im hohen Bogen von sich, um sich wieder zu befreien. Und genau darauf haben es die süßen Tierchen ja angelegt. Nara’s Deers wissen eben genau wie sie ängstliche Besucher in Bedrängnis bringen müssen, um an ihre Lieblingshäppchen zu kommen.

 

Nara ist wohl die Stadt mit den süßesten Einwohnern Japans. Sie liegt im Süden der japanischen Hauptinsel Honshū und ist nicht nur aufgrund ihrer zahlreichen Tempel und liebevoll restaurierten Stadtviertel bekannt, sondern vor allem durch ihre mehr als 1200 außergewöhnlichen Bewohner, die Hirsche und Rehe, Nara’s Deers, die dort zu Hause sind.

Sie alle leben im sogenannten Nara Park ein 4 km langes und 2 km breites Parkareal, das ganz im Gegenteil zur Annahme vieler Menschen, nicht eingezäunt ist. Die Tiere können sich frei bewegen und man begegnet ihnen auch manchmal an Orten, wo man sonst wohl keine Rehe vermuten würde. Für die Einwohner der Stadt ist es ganz normal, dass die Deers die Straße über den Zebrastreifen überqueren, oder sich auch mal in einen der offenen Verkaufsstände verirren und dort um Futter betteln.

Apropos Futter, die Hirsche und Rehe in Nara sind ganz schön verfressen. Das ist auch der Grund warum sie schon in aller Herrgottsfrühe auf der großen Wiese warten bis die Touristen endlich kommen und sie mit einem leckeren Frühstück, den Deer Crackers, versorgen. Die Deer Crackers kann man überall im Park kaufen und sie sind das einzige Futter, das an die Tiere verfüttert werden darf. Das Band, das die Cracker zusammenhält, ist ebenfalls essbar und darf daher gemeinsam mit ihnen gereicht werden.

Obwohl sich die Rehe und Hirsche manches Mal wie Haustiere benehmen, sollte man nicht vergessen, dass sie Wildtiere sind. Sie haben Ruhezeiten, zu denen sie sich gerne in Gruppen unter die Bäume legen und ein kleines Nickerchen machen. Zu diesen Zeiten sollte man sie nicht stören. Davon abgesehen kommen sie auch ganz alleine auf einen zu, wenn sie ein Bedürfnis danach haben.

Es macht einfach Spaß die Tiere im Park zu füttern, streicheln und zu beobachten. Da kommt es auch schon mal vor, dass man witzigen Szenen beiwohnt. Kinder, die nicht groß genug sind um die Cracker vor den Rehen in Sicherheit zu bringen. Mädchen, die vor Angst kreischend die Cracker den Tieren entgegenwerfen und sogar Hirsche, die sich von hinten an eine Person anschleichen, um sie dann in den Allerwertesten zu boxen. Aber keine Angst! Die Hörner der meisten Hirsche sind entfernt worden und wenn man die Tiere mit Respekt behandelt und sich ihnen gegenüber richtig verhält, wird man auch kaum in solch eine Situation geraten.

Die Entfernung der Hörner geschieht einmal im Jahr im Oktober bei einem Event mit dem Namen Shika no Tsunokiri, dem Hirschhornschneiden. Dabei werden die Hirsche auf das Gelände des Kasugataisha Schreins getrieben, wo ihnen von einem Shinto Priester die Hörner abgeschnitten werden. Die Tradition des Shika no Tsunokiri stammt aus dem 17. Jahrhundert und sollte die Gefahr für den Menschen, die von den Hörnern der Tiere ausgeht reduzieren.

Die Verehrung der Deers geht auf eine Legende zurück, der zufolge Takemikazuchi-no-mikoto, einer der vier Götter des Kasuga Schreins, in den Kashima Schrein eingeladen wurde. Von dem Tag an, als er dann auf einem weißen Hirsch reitend auf dem Berg Mikasa erschien, wurden die Hirsche sowohl im Kasuga-Schrein also auch im Kōfuku-ji Tempel, welcher sich in Nara befindet, als göttlich und somit als heilig angesehen.

Die Hirsche und Rehe leben schon seit mehr 1000 Jahren mit den Menschen in Nara zusammen und galten bis nach dem Zweiten Weltkrieg als heilig. Erst danach, wurden sie als nationale Schätze betrachtet und unter Naturschutz gestellt.

Mit ihren knuffigen, feuchten Nasen, den großen Glupschaugen, dem treuherzigen Blick und ihrem strubbelig- weichen Fell sind sie so süß, dass man ihnen kaum wiederstehen kann und am liebsten gleich eines für zu Hause einpacken möchte. Aber spätestens nachdem man sie mit ihrer Lieblingsspeise versorgt hat und sie sich mit mehrmaligem Verbeugen bedanken, ist es wohl voll um einen geschehen.

 

 

Besucht von: 27.04.2017 – 30.04.2017

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